Unsere Geschichte

 

 

Die Akademische Verbindung Frisia zu Kiel blickt 2017 auf eine 145-jährige Geschichte zurück, in der zahlreiche innere und äußere Ereignisse und Personen das Verbindungsleben essentiell geprägt und verändert haben. Dabei wirken sowohl gesellschafts-politische Faktoren wie auch individuelle Vorgehensweisen der Verbindungsbrüder auf unsere Frisia unterschiedlich bewertbar ein. Während von außen häufig negative Tendenzen das unabhängige Existieren der Frisia beeinträchtigt haben, vermochten die Mitglieder selbst – manchmal leider auch weniger erfolgreich – eine schützende Hand über ihre Verbindung zu legen und so manchen Zeitungeist oder auch drohenden Schaden aus der Frisia „draußenzuhalten“. Die Geschichte der Frisia lässt sich völlig zurecht in Superlativen ausdrücken: die A.V. Frisia ist in Kiel die einmaligste und einzige Studentenverbindung ihrer Art. Sie war die erste rein schwarze Verbindung, die sich zur Nazizeit als letzte auflöste und nach dem Kriege als erste wieder in Kiel konstituierte. Bis heute ist die Frisia stets unabhängig geblieben, so dass sie über 144 Jahre hindurch einen besonderen Reiz auf die Studenten ausgeübt und einen außerordentlichen Stellenwert in der Kieler Corporationsszene innehat. Dieser Reiz, den die Frisia in den Studenten auslöst, hat sich über die Zeit und den Wertewandel aufrechterhalten können; denn sie bietet in ihrer liberalen, unpolitischen und formlosen Art ein Refugium für Gleichgesinnte als auch für Individualisten, die in ihrer eigenen kleinen Welt ungeachtet der sozialen Herkunft ihrer Mitglieder und ohne politische Ideologie Akzente setzen möchte. Das Prinzip der Freundschaft und der gegenseitigen Hilfe im Studium hat gleichsam als Tradition den alles umfassenden Halt unter den Aktivitas und der Alt-Herren-Schaft gesichert.

 

 

Als der Student Claussen aus Dithmarschen an einem Sonntag, dem 10. November 1872, auf einem gemeinsamen Ausflug sich für einen festeren Zusammenschluss seines selbständigen Paukkurses mit regelmäßigen Kneipen aussprach und dieser Blase Statuten, eine Satzung und Komment geben wollte, war das der Beginn der 8-jährigen Friesengründungsphase, die 1880 vorerst abgeschlossen sein sollte. Die spätere Frisia sollte die vierte Verbindung (nach dem Corps Holsatia, der Burschenschaft Teutonia und der Landsmannschaft Troglodytia) in Kiel werden. Sie entstand als Protest gegen die Coleurverbindungen, wollte jedoch zunächst nicht als Verbindung verstanden werden und akzeptierte auch keinen eigenen Namen. Weitere oberste Prinzipien waren die fehlenden studentischen Abzeichen (Zirkel), Farben, Bestimmungsmensuren und die Fuchsdrillerei. Dafür sollten das Streben nach Wissenschaft und treue Freundschaft das verbindende Band sein. Die Friesen pflegten ihre gemeinsame Herkunft aus holsteinischen Dörfern und Kleinstädten (Regionalpatriotismus) und durften sich daher noch enger verbunden gefühlt haben als viele Jungfriesen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Aber der geringe Reiz einer „Kneipe“ ohne Namen und die Bitte des Rektors und Senats, sich als Verbindung zu organisieren, führte am 5. Juni 1880 zu einer strafferen Organisation und zum Gründungsabschluss mit dem bekannten Namen: „Akademische Verbindung Frisia“. Während die Friesen anfänglich noch aus der bloßen Tatsache, dass alle Studenten korporiert waren, Hochschulpolitik betrieben, hat später die ideologiefreie Haltung als auch das persönliche Interesse dagegen gesprochen. Zunächst gab es noch zu den drei weiteren schwarzen Verbindungen engen Kontakt: zu den Krusenrottern (bis zum Sommersemester 1893, welche 1924 eine Burschenschaft wurde!), der Slesvigia und der Slesvico Holsatia, um den Hochmut der Coleur einzudämmen und sich einen Namen neben den Farbentragenden zu verschaffen. Die Beziehungen zu den Coleurs verhärteten sich, zu den Corps wurden sie schon im Wintersemester 1884/85 ganz abgebrochen. Innerhalb der Schwarzen Verbindungen gab es regelmäßige Vertreterversammlungen und Antrittskommerse, um Stärke und Einheit gegenüber den sich neu etablierenden Corporationen und Vereinen vorzuspielen. Doch auch diese Kontakte wurden immer schwächer und die Friesen drängten nach völliger Selbständigkeit, sodass sie sich 1887 einen eigenen Wichs (Festtracht) und 1889 eigene Waffen anschafften. Selbst eine Fahne wurde favorisiert, ohne zu bedenken, dass diese Farben tragen würde. Der Entschluss wurde schließlich fallengelassen. Innerhalb der Frisia wurden festere Formen angenommen, von denen sich heute noch viele Ämter herleiten lassen: der Präses oder x leitete die Aktivitas, der Schriftwart oder xx ist seit dem SS 1889 auch Fechtwart, und der xxx wurde Kassenwart. Seit dem SS 1881 wurde ein Semesterbeitrag für AHAH erhoben, und seit WS 1886 ist das Staatsexamen Voraussetzung zur Aufnahme in die Altherrenschaft, die zuvor CK hieß. Die wohl wichtigste Klammer der Verbindung ist das dialektische Verhältnis zwischen den AHAH und den Aktiven. Diese wurde durch einen Altherrenausschuss im SS 1888 und durch die Bestimmung, dass die Aktivenkneipe sich diesem Ausschuss unterstellte, organisiert, damit das Wesen der Frisia durch plötzliche Stimmungen innerhalb der Aktivitas nicht umgestaltet würde. Zum Ende des Jahrhunderts führte man das Duzverhältnis ein, um sich gegenseitig menschlich näherzukommen.

 

 

Da bis 1911 noch kein Verbindungshaus existierte, wurden abwechselnd verschiedene Kneipräume wie z.B. bei Arp am Walkerdamm (ab 1880) oder im Colosseum (ab 1895-1911) gemietet, in denen auch schon seit frühen Tagen Photographien der Mitglieder angeschafft und seit dem WS 1904/05 die Tradition der Ahnengalerie gepflegt wurde. Die Frisia setzte sich aus allen drei Fakultäten, der Medizinischen, der Philosophischen und der Theologischen, zusammen, wobei erstere bis in die Zeit der Bundesrepublik hinein einen großen Überhang annahm (was zunächst mit den fünf Gründern und der Verteilung an der CAU zusammenhing). Die Verbindung hatte landsmannschaftlichen Charakter, da die Mehrzahl der Friesen aus Schleswig-Holstein (Westen und Mitte) stammte. Diese letzte Tendenz gilt heute nicht mehr, da viele Friesen sich aus der Diaspora um Hamburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern zusammensetzen. Dennoch machte man sich trotz der etwa 90 Mitglieder starken Verbindung Sorgen über ihr Fortbestehen, die auch zu späteren Zeiten bis in die aktuelle Gegenwart immer wieder wellenlinienartig aufkommen und verschwinden.

Die Frisia war und bleibt bis dato eine kleine Verbindung des aufstrebenden Bürgertums, deren Mitglieder von den politischen Zeitverhältnissen zwar nicht unbeeinflusst blieben (wie soll das auch möglich sein?), aber sich zumeist doch abwartend und zurückhaltend zu Deutschland und dem Weltgeschehen äußerten, um ihren unabhängigen Charakter zu wahren. Diese Haltung wird unter den Friesenkennern unterschiedlich bewertet, weil gleichwohl negative wie auch positive Entwicklungen wenig reflektiert worden sind. Zum Wechsel in ein neues Jahrhundert wurde dieses Image von zwei Friesen stark geprägt: 1. von Stülcken, der die geistig-kulturelle Entfaltung der Corporation förderte und das Friesenlied (1898/99) komponierte und 2. von Boje, der das 1. Verbindungshaus erwarb und das Fechten zum Verbindungssport vorantrieb.

 

 

Das Fechten (Verabredungsmensuren) nahm ebenso zu wie das Trinken ab, sodass Abstinenz nicht als Grund zum Austritt aus der Frisia akzeptiert wurde. Im WS 1911/12 wurde der alte Verbindungsgeist mit dem engen Verhältnis der Aktivitas zu den AHAH wieder heraufbeschworen und schloss mit dem klangvollen Pathos: „Vivat, crescat, floreat Frisia in aeternum!“ So wie schon vor dem Kriege Friesen aus Hamburg und seiner Umgebung zur Frisia stießen, fanden schließlich auch regelmäßige Altherrentreffen in den Städten Hamburg, Kiel und Lübeck statt. Das Ansehen der Verbindung sollte durch die Einweihung des Verbindungshauses am historischen Datum des 11. Novembers 1911 in der Muhliusstraße 60 (ganz in der Nähe der berüchtigten Bergstraße!) zum Ausdruck gebracht werden. Man betrachtete dieses Ereignis als einen letzten Schritt in der Entwicklung der Verbindung, da nun endgültige Selbständigkeit und ein eigener Mittelpunkt im Verbindungsleben erreicht zu sein schienen. Dann brach aber der 1. Weltkrieg aus, in dem 90 der 146 Friesen eingezogen wurden, und der Verbindungsbetrieb erlahmte bis zum Frühjahr 1919. Die sechzehn  Verstorbenen des Krieges wurden 1920 auf einer Ehrentafel festgehalten, die an der Westwand des jetzigen Kneipsaales zu finden ist. Das veränderte Gesellschaftsbild 1919 wurde durch das Aufsteigen des vierten Standes der Arbeiterschaft ausgedrückt und von sämtlichen Corporationen mit Argwohn betrachtet, sodass aus der empfundenen Not der gemeinsamen Abwehr des Neuen zwar die Gleichberechtigung aller schlagenden Studentenvereinigungen erreicht wurde, aber gleichsam ein politischer Ton mit einzog. Das liberale Bürgertum blickte rückwärts in eine verhärtete konservative Richtung, wovon die Friesen ebenfalls angegriffen wurden, obwohl die Studenten in dieser Verbindung wenige Jahre zuvor nicht einmal Zeitung lasen. Die Gegnerschaft zur (Kompromiss) – Demokratie und dem Parteienzwist wurde durch einen „plötzlich“ auftretenden gekränkten Stolz nach dem verlorenen Kriege genährt. Dieser drückte sich in übersteigerter patriotischer Sentimentalität und einer deutschnationalen Haltung aus (schließlich fühlte man sich im Kaiserreich wohler als im ungewohnten Chaos der Weimarer Republik, die „neuerdings“ von linken Arbeitern und anderen „Demokraten“ mitgeleitet wurde) und führte in der Frisia zu einer derartigen Unzufriedenheit, dass der § 1 des Statutes so ergänzt wurde, dass nur noch solchen Studenten, „denen die Hingabe an ihr deutsches Vaterland hohe sittliche Pflicht ist“, aufgenommen wurden. Die politische Betätigung der Friesen erschöpfte sich im Geiste der Zeit mit einer Revision des Versailler Friedensvertrages und fand gegen die 1920 stattgefundene Grenzziehung im Norden Schleswig-Holsteins statt. Mancher Friese wollte aus Frust vor der deutschen Politik einen Anschluss Südschleswigs an Dänemark, woraus die Distanz zu sämtlichen Parteien – auch den Nazis – erkennbar war. Auch wenn die Frisia keineswegs nationalsozialistisch war, so spielten viele Verbindungsbrüder mit ihrer reaktionären Haltung gleichsam dem Strom der meisten Gesellschaftskreise der braunen Bewegung ungewollt zu. In dem Chaos der Weimarer Republik suchte die Frisia ab dem WS 1925/26, da sie nun die einzige schwarze Verbindung in Kiel war, Halt und Orientierung in dem Anschluss an den Miltenberger Ring der süd- und mitteldeutschen Verbindungen, der jedoch nie durchgeführt wurde. Es kam auch zu anderen kleineren Abweichungen von bewährten Prinzipien, sodass beispielsweise im WS 1924/25 das Verbot der schwarzen Bierzipfel erklärt, aber zwei Jahre später wieder aufgehoben wurde. Des Weiteren wurde im Verlauf der Politisierung der Gesellschaft und auch in der Frisia neben dem Fechten, dem Turnen, der Leichtathletik und den Ballsportarten der Wehrsport bevorzugt, der mit dem Grundsatz: „Deutsch sein, heißt waffenfähig sein!“ ausgedrückt wurde. In der Phase der sozialen Not durch Inflation und Wirtschaftskrise wurde im WS 1923/24 ein billiger Mittagstisch für Studenten und im WS 1929/30 eine Unterstützungskasse für arme Verbindungsmitglieder geschaffen.

 

 

Der Gleichschaltungspolitik der NSDAP verweigerten sich die Friesen zunächst. Obwohl ab dem WS 1931/32 Vorträge des NS-Studentenbundes besucht wurden, lehnte man es 1933 kategorisch ab, in SA-Uniform zu chargieren und beharrte auf das Selbstverfügungsrecht über das Verbindungshaus. Auf weiteren politischen und universitären Druck hin, einigten sich die Friesen darauf, ihre Existenz zu sichern, indem das Haus in der Muhliusstraße im WS 1934/35 auf Geheiß des NS-Studentenführers in eine Erziehungsgemeinschaft und Wohnkameradschaft mit Führerprinzip und politischer Schulung umgewandelt wurde. Gleichsam wurde der traditionelle Altherrenausschuss schon im Februar 1934 aufgelöst; die Altherrenschaft blieb aber bestehen. Dafür mussten die Friesen keine fremden Studenten wie andere Corporationen aufnehmen sondern belegten sieben Betten mit eigenen Mitgliedern. Durch die Veränderung des § 2 des Statutes sollte der Frisia für die Nachkriegszeit noch ein Husarenstück gelingen. Während in Anlehnung an die Nazis dem § 1 die Formulierung der „Kameradschaft“ hinzugefügt wurde, formulierte der § 2 die eigene Entwicklung der Frisia mit den Worten: „Als schleswig-holsteinische Heimatverbindung tritt sie für die Wahrung schleswig-holsteinischer Eigenart ein. Die Erhaltung der niederdeutschen Sprache und die Förderung aller Bestrebungen zur Pflege schleswig-holsteinischen Geisteslebens gehören zu ihren vornehmsten Grundsätzen.“ Der Druck wurde aber im WS 1935/36 so groß, dass Friesen wegen ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP sich dem NS-Studentenbund anschließen mussten und die Frisia trotz ihrer Bereitschaft, in der Kieler Universität mitzuarbeiten, gemahnt wurde, sich wie andere Verbindungen selbst zu suspendieren. Am 29. Februar 1936 löste sich die Akademische Verbindung Frisia nach ausdrücklicher Aufforderung von Seiten des Rektorats und der Studentenschaftsführung als letzte Verbindung in Kiel auf. Diese Tatsache verdeutlicht nicht in erster Linie einen passiven Widerstand gegen das herrschende totalitäre System, sondern den seit der Gründung 1872 bestehenden starken liberalen Drang nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Bis zum Ende der Frisia klagten auch hier Verbindungsbrüder über die Ablehnung des Verbindungslebens von Studentenseite, und man sah sich der Tendenz machtlos gegenüber. Im Jahre 1937 zog die nationalsozialistisch geführte Kameradschaft „Friesland“ bis zur Kapitulation Deutschlands 1945 in die Muhliusstraße 60 ein, der sich nur wenige der „alten“ Friesen anschlossen. Die meisten lehnten eine Mitarbeit rigoros ab. Weitere Ausführungen erfolgen hier nicht, da jene Kameradschaft nur äußerlich mit der Frisia in Verbindung gebracht werden kann, d.h. ihrem Namen und dem Hause nach als Ort der braunen Betätigung. Im Jahre der Auflösung, also im 64. Verbindungsjahr oder nach 128 Semestern gab es 277 Mitglieder, von denen 86 bereits verstorben waren. Während es im Jahre 2 nach der Gründung elf Mitglieder bei 149 Studenten an der CAU gab (das waren 7,4 % aller Kieler Studenten!), nahm dieser Anteil an der Christiana Albertina auf ein Minimum von unter 1 % ab. Damit büßten die Friesen wie alle anderen Corporationen ihren hochschulpolitischen Einfluss und ihre gesellschaftliche Bedeutung ein. Dieser Prozess lässt sich mit veränderten äußeren Bedingungen gegenüber vorkaiserlichen Zeiten erklären, die sich in einem starken Ansteigen der Studenten bei relativ konstanten Mitgliederzuwachs von durchschnittlich 3 Jungfriesen pro Semester in der ersten Phase ihrer Existenz ausdrücken. Diese Konstanz bestätigt die oben festgestellte Bemerkung, dass die Frisia eine kleine Verbindung ist.

Eine Veränderung tritt aber mit dem Proporz der Fakultäten ein: obwohl die Mediziner noch insgesamt in der Überhand sind, haben sich die Neuzugänge in der Rechts- und Staatswissenschaft seit 1920 mit 42 gegenüber 35 Medizinern mehr als nur emanzipiert. Ebenso überholt die Zahl der chargierten „Philosophen“ die der Mediziner. Der allgemeine Trend der Theologen nimmt weiterhin auf ein Minimum ab.

 

 

Nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 durften auch die Friesen eine Restauration oder Renovierung ihrer Verbindung praktisch in Angriff nehmen, mussten aber verständlicherweise mit dem Misstrauen der britischen Besatzungsbehörde kämpfen, die die Corporationen als Instrument hochnationalsozialistischer Studentengruppen betrachteten. Außerdem war das Verbindungshaus völlig zerbombt, sodass noch weitere Probleme auf die sich wieder zusammenfindenden Friesen zutraten. Unter schwierigsten Bedingungen ging der Universitätsbetrieb am 27. November 1945 wieder los. Die Studenten waren oftmals noch in Militärkluft gekleidet und strebten nichts sehnlicher an, als in Ruhe gelassen zu werden und die verlorenen Jahre und den tief empfundenen Hass, für eine Ideologie missbraucht worden zu sein, durch Arbeitssuche und Wahrheitssuche wieder wettzumachen. Was konnte die „betrogene Generation“ von einer Friesenverbindung erwarten, in denen sie noch vor dem Kriege mit ihrem Idealismus, ihrer Opferbereitschaft und ihrem Gemeinschaftsgeist mitmischten und „nun“ so desillusioniert heimkehrten, nachdem sie in Kriegs- und Überlebensgemeinschaften leben mussten und mehr opferten, als sie für ein ganzes Menschenleben verkraften dürften? Die Antwort müsste, wüsste man es nicht besser, eindeutig negativ ausfallen.

 

 

Aber im Niemannsweg 103 setzten bei „Vadding“ (Ferdinand Hell) und „Mudding“ AH-Söhne durch, das übriggebliebene Friesenmobiliar und die Ahnentafel im daraufhin berühmt gewordenen „Friesenkeller“ zu errichten und erste gemeinsame Kneipen abzuhalten. Hier wurde am 6. August 1946 unter „Vaddings“ Leitung das historische Gründungsprotokoll verfasst, das an die Militärregierung mit dem Bittgesuch, eine „Niederdeutsche Studentenvereinigung“ zusammenzustellen, weitergeleitet wurde. Dabei half das oben erwähnte Husarenstück, als man mit dem 1934 in Abgrenzung zu den Nazis ergänzten 1. Absatz des § 2 des Friesenstatutes (Förderung der niederdeutschen Sprache und des schleswig-holsteinischen Geisteslebens) vornehmlich argumentierte. Drei wichtige Punkte begünstigten einen reibungslosen Start in eine Renovatio Frisiae: zuerst war die AH-Schaft intakt geblieben und bildete eine einheitliche moralische und finanzielle Basis. Zweitens unterstützten drei Friesländer die neugegründete Aktivitas mit ihren Erfahrungen, und drittens gab „Vadding“ den Studenten fast 9 Jahre lang von 1946 – 1955 einen neuen Mittelpunkt, den „Friesenkeller“. In diesem Refugium konnten die Friesen ihre eigene Umwelt von der Außenwelt abgeschieden selbst gestalten. Als sich am 22. November 1948 der Erfolg endlich einstellte und der Haupterziehungs-Kontroll-Offizier des Landes Schleswig-Holstein, James Ward, der Frisia als erste Kieler Corporation die Erlaubnis erteilte, ihren Verbindungsbetrieb wieder aufzunehmen, hatten die Friesen schon 2 Jahre lang halblegal wichtige Verbindungsarbeit vorgeleistet. Während der Aufbau einer neuen Aktivitas von allen Friesen gleichermaßen durchgeführt wurde, mussten folgende Themenkomplexe von der AH-Schaft angegangen werden: die Vergangenheitsbewältigung hatte u.a. die Aufgabe, die auseinandergetriebenen Friesen in Deutschland und in der Fremde wieder zu lokalisieren und der Frisia zuzuführen, als auch das Verhältnis zu den „Friesländern“ zu bestimmen. Diese Ergebnisse mussten mit der Zukunftsrichtung der Frisia verbunden werden um drei grundlegende Fragen zu klären: 1. die Frage der Unabhängigkeit, 2. das Prinzip der Heimatverbindung und 3. die Frage des Fechtens. Die Antworten führen in die unmittelbare Gegenwart der heutigen Frisia. Trotz einer bemerkenswerten Lobby hat sich die Frisia nie durchgerungen, dem Miltenberger Ring beizutreten. Das landsmannschaftliche Prinzip wurde als Konzession zum ersten Punkt fallengelassen, wollte man sich nicht zu sehr eingrenzen lassen. In diesem Sinne öffnete man sich auch Studenten, die nicht aus Nordelbien stammten. Der Aktivitas wurde die Entscheidung des Fechtens dankenswerterweise überlassen, und sie entschied sich für eine Ablehnung dieses überkommenen und nicht zeitgemäßen Reliktes (alleine schon die Erfahrungen des Krieges dürften gereicht haben). Anstelle dessen zog der Segelsport als verbindendes Element in die Frisia ein, wobei die Ostseenähe und das private Segeln einzelner AHAH mit ausschlaggebend gewesen sein durften. Im SS 1947 übergab F. Hell den Aktiven die Segelyacht „Frisia“. Das war der Anfang von bis heute 6 weiteren Booten, der Frisia II, III, IV und V  als auch einer Jolle und dem Conger auf den Namen „Lütt Frisia“. Für viele der damaligen Kellerfriesen gibt es heute noch so manche lustige Geschichte oder genossene Schandtat aus dem Niemannsweg 103 zu erzählen, bei denen es im Bier-, Tabaks- und lautem Gesangesrausch um reichlich Unfug, mutwillige Lärmbelästigung und mehr oder minder zu Bruch gegangenes Hausinventar aber auch um die Bewältigung und den Austausch von Problemen und Gedanken ging. Am meisten hervorzuheben ist der wiedergefundene Gemeinschaftsgeist, der nie wieder so intensiv wie dort gepflegt werden konnte und bei dem einen oder anderen sentimentale Gefühle hochkommen lässt. Der „Friesenkeller“ sollte und durfte nicht permanenter Mittelpunkt der Friesen bleiben. Es musste ein eigenes Verbindungshaus her, das neuen Nachwuchs heranziehen und das Ansehen der Friesen repräsentieren konnte. Nach 14 Monaten Bauzeit konnte das von F. Hell erworbene und unter seiner Leitung errichtete neue Friesenhaus in der Beselerallee 22 am 8. Oktober 1955 zur endgültigen Benutzung freigegeben werden.

 

 

Zwölf Aktive bezogen neben dem Hausmeisterehepaar Revensdorf das neue Haus. Hier fand eine weitere Zäsur statt. Zum WS 1955/56 trat ein Generationswechsel ein und die Jungen, die nicht in den Krieg zogen, bestimmten von nun an das Geschehen a.d.H. Gleichwohl wie es vorprogrammiert zu sein scheint, dass Generationswechsel in Gemeinschaften zu inneren Konflikten führen, wurden auch zu jener Zeit Gegensätze unter den Friesen deutlich. Die Neuen verfolgten andere Ziele, waren nicht so strebsam und engagiert wie ihre Vorgänger und zelebrierten nicht mehr altbürgerliche Geselligkeit. Es entstanden Freundschaften, die sonst wohl kaum zustandegekommen wären. Besonders hervorzuheben waren das Verhältnis zu anderen Verbindungen wie den Krusenrottern, den Wingolfiten und den Ditmarsen. Letztere stehen immer noch in ausgezeichnetem Kontakt zu den Friesen. Für viele war die Möglichkeit, ein preisgünstiges Zimmer in Kiel zu bekommen, der hauptsächliche Anlass, auf das Friesenhaus zu ziehen. Viele lernten das Lebensbundprinzip zu schätzen und blieben ihm bis heute treu. So sehr wie wir heutzutage über den mangelnden Einsatzwillen, fehlenden Teamgeist und Egoismus mancher Aktiver klagen, so hat das damalige Wirtschaftswunder und der aufkommende Wohlstand einen Individualismus gefördert und das Verbindungsleben sämtlicher Corporationen behindert. Wie man sieht, sind unsere aktuellen Probleme keineswegs neuartig, sondern wiederholen sich bei veränderten äußeren Bedingungen wie dem gesellschaftlichen Umfeld, den ökonomischen Verhältnissen als auch dem Zeitgeist. Dass die Gegenwart in rastloser Geschwindigkeit von einem Trend zum nächsten in kürzester Zeit springt und sowohl Massenmedien als auch die Konsumpolitik in der Marktwirtschaft zu immer neuen Dimensionen führt, lässt die Aktivität einer Frisia im dialektischen Licht erscheinen: einerseits fehlt ihr die Aktivität einer konsumorientierten Generation. Es kann in der Friesengemeinschaft nicht darum gehen, wieviel man sich nehmen darf, ohne etwas zu geben. Andererseits schafft sie es gerade, die Bedürfnisse der nach Orientierung suchenden jungen Menschen einzufangen und zu kanalisieren und eröffnet ihnen die Möglichkeit, eine eigene Umwelt flexibel zu gestalten.

 

 

Der Verfasser erkennt eine wellenartige Entwicklung von Aufs und Abs innerhalb unserer Gesellschaft und der Frisia an und glaubt nicht an einen Verfall der Gesellschaft oder der Frisia, wie es manche Ältere formulieren. Vielmehr gibt es Zeiten, in denen gesellschaftliche Konventionen weniger angesehen werden, weil eine bestimmte Sättigung den Menschen an gemeinschaftlichen Tätigkeiten hindert. Kaum ein Jüngerer wird heute noch von Opferbereitschaft, Ehre, Anstand, oder Lebensbund reden (auch wenn die Satzung von 1990 derartige Begriffe enthält!), viele aber innerhalb der Frisia von Einsatzwillen, Engagement, Eigeninitiative, Teamgeist und Freundschaft. In diesem Sinne haben sich die Werte nicht grundlegend verändert. Es sind die alternierenden Tugenden, die die Werte ausmachen und sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen. Viele der gegenwärtigen Zustände sind in ihrer Art ähnlich oder gar mit denen der letzten Jahrzehnte (oder vielleicht sogar weiter zurück?) zu vergleichen. Schaut man sich die Konventsprotokolle der letzten Dekaden an, fällt einem die Gleichartigkeit nicht nur der Themen, sondern gerade der Wege, mit ihnen umzugehen, auf. Viele Konvente dürften satirisch ausgeschlachtet werden, weil auf ihnen mit einer akribischen Genauigkeit die langlebigen Fragen des Verbindungssinnes, Problemchen mit Alltäglichkeiten und Banalitäten a.d.H., Verdienste und Verfehlungen von Mitgliedern als auch persönliche Rivalitäten ausgetragen und schriftlich festgehalten wurden. Es kam nicht selten vor, dass auf einer späteren Veranstaltung zuvor gefasste Beschlüsse gekippt wurden, deren Ergebnisfindung viel Schweiß und Adrenalin kostete. Wichtig sind diese Diskussionen und Ergebnisse allemal, weil sie das Leben einer Gemeinschaft bestimmen und mit dem Leben einer Familie zu vergleichen sind. Der Comment auf den Kneipen war und ist sehr locker. Viele Veranstaltungen der Nachkriegsgenerationen finden auch heute noch statt wie z.B. Exbummel, Sommerfeste, Karnevalsfeten, Weihnachtskneipen, Vorträge, Rallye-Fahrten, Segeltörns, Sportveranstaltungen oder auch das Rattenknobeln. Lediglich die an die Konvente bis zum Ende der fünfziger Jahre anschließenden Kneipen entfallen heutzutage gänzlich. Dafür wird z. Zt. diskutiert, inwiefern Stiftungsfeste das Verbindungsleben wieder verbessern und AHAH vermehrt a.d.H locken könnten. Ein Punkt darf kurz noch gestreift werden. So sehr die heutigen Friesen Sport als Betätigung ablehnen, sosehr haben Friesen in den 50ern bis in die 70er hinein sehr erfolgreich Sport betrieben (z.B. Segeln, Handball, Faustball, Fußball, Leichtathletik u.a.) und sogar an Deutschen und Internationalen Meisterschaften erfolgreich teilgenommen.

 

 

to be continued…